10.10.05
Frisches Brot aus dem Brustfeuerungsofen
Die Alte Bäckerei beherbergt bald das »Museum für Kindheit in Pankow« 
 
Von Volkmar Draeger 
 
Auch wenn das blühende Vorgärtlein einen Weg zur Mitteltür des Hauses freilässt, betritt man die Alte Bäckerei an der Wollankstraße 130 linker Hand durch ein Holztor über den Hof.
Dort empfängt Museumsleiterin Ruthild Deus mit großer Herzlichkeit ihre Besucher und führt sie geduldig und sachkundig in ihr kleines Reich voller staunenswerter Dinge. Ebenso verblüffend gestaltete sich die Geschichte jenes Museums, das auf einzigartige Weise von der Entwicklung des Dorfes Pankow erzählt. Prinzenweg nannte man eine 1703 angelegte schmale Straße, weil durch sie die »Herren Prinzen« zum Besuch in Niederschönhausen vom Wedding aus ihren Weg nahmen. 1784 ließ Königin Elisabeth Christine, Gemahlin Friedrichs II., die Straße bepflanzen, 1883 erhielt sie Pflasterung und den Namen ihres größten Anliegers, des Gutsbesitzers Adolf Friedrich Wollank, Amtsvorsteher in Pankow, Weinbergseigner am heutigen Weinbergsweg. 1851 bereits taucht als Besitzer des Bauernguts Nr. 28, auf dessen Grund sich das Museum erhebt, ein Carl Ludwig Grunow auf. In rascher Folge wechseln die Eigentumsverhältnisse: vom Zimmergesellen auf den Schornsteinfegermeister, vom Maler auf Kaufleute und einen Bankier. 1860 entstehen auf der Parzelle erste Bauten, die ab 1872 Restaurateur Schubert als Gastwirtschaft nutzt. Der Kopf des Gambrinus, des Schutzheiligen der Bierbrauer, ziert noch immer den Hausgiebel.
Als 1875 Bäckermeister Carl Friedrich Ludwig Hartmann aus Blankenburg im Harz das Gehöft übernahm, begann eine fast hundertjährige Handwerksgeschichte. Carls Sohn Emil, dann sein Enkel Karl führten den Familienbetrieb bis 1964. Nach Karls Tod 1967 blieb seine Witwe Martha bis 2000 in dem maroden Haus wohnen. Mit ihrem Auszug schien das Schicksal des schlicht spätklassizistischen Gebäudes besiegelt. Ruthild Deus, seit langem mit der Bäckersgattin bekannt, wurde der rettende Engel. Die gelernte Reprofotografin mit Liebe zur Historie des Ortsteils Pankow veranstaltete in dem leerstehenden Wohnhaus schon zur Weihnachtszeit 2000 eine erste Ausstellung und betrieb auf deren Resonanz hin zielstrebig die Sanierung der Anlage. Frau Martha verkaufte sie ihr, Landesdenkmalamt, Deutsche Stiftung Denkmalschutz und Senat für Stadtentwicklung brachten gemeinsam die nötigen Mittel auf. Grund für das öffentliche Engagement war das Nutzungskonzept des Objekts als vielseitige Begegnungsstätte.
Die dreijährige Restaurierung hat sich in mehrfacher Hinsicht gelohnt. Nicht nur, weil das Projekt 2004 sowohl den Bundespreis für Handwerk in der Denkmalpflege wie auch die Ferdinand von Quast-Medaille als Preis der Berliner Denkmalpflege erhielt. Mehr noch, weil hier unermüdliches Wirken ein Kleinod mit Ausstrahlung weit über Pankow hinaus geschaffen hat. Der Rundgang verdeutlicht das. Er beginnt im Begegnungsraum, dem ehemaligen Schlafzimmer. Liebevoll hat Frau Deus ihn eingerichtet: mit Ladenmöbeln eines Scherenschleifers zur Bewahrung der Bibliothek des Orts-Chronisten Rudolf Dörrier, mit dem Schrank des ersten Kindergartens von Bergmann-Borsig, einem runden Jugendstil-Ofen.
Handtuchschmal liegt daneben der frühere Verkaufsraum mit seiner originalen Kasse und einer neuen, in Thüringen aufgetanen zweiflügeligen Außentür. Brot und Gebäck wurden, wie alte Fotos beweisen, über die nicht mehr erhaltene Theke gleich zur Straße hin angeboten. Der benachbarte Wohnbereich dient wechselnden Ausstellungen, so Schautafeln zur Geschichte der Hartmanns, und zeigt derzeit unter dem Motto »Frieden und Krieg« berührende Erinnerungsstücke der Pankower Familie Klempau.
Winzig schließen sich dem Wohnzimmer im Seitentrakt das Büro und die Küche an. Als Herzstück beherbergt er auch die Backstube mit ihrem vier Meter langen Brustfeuerungsofen von 1875, dem wohl stadtältesten. Etwa 100 Brote konnten pro Beschickung gebacken werden. Seit kurzem bäckt Geselle Tobias der Bäckerei Hennig aus Hennickendorf zur Freude der Anwohner dienstags und donnerstags drei Sorten Brot auf Sauerteigbasis. Um ihn herum sieht man wiederhergestellte alte Gerätschaften wie Teigteilmaschine, Semmelmehlmühle und Sackhebekarre. Tobias' Vorgänger Hartmann vertrieb seine duftenden Produkte mittels eines kleinen Kastenwagens bis nach Reinickendorf und Wedding.
In der backsteinernen Remise gegenüber der Backstube standen der Hartmannsche Landauer nebst Pferd, und auch ein Hühnerstall fehlte nicht. Das Remisenparterre nutzt Frau Deus bei Veranstaltungen als Küche, den Heuboden darüber als Archivraum. Im gemütlich historisierend eingerichteten Obergeschoss des Wohnhauses bietet sie Touristen und Atmosphäresuchern für 30 Euro pro Nacht und Person vier Gästebetten, Warmwasserbad im Holztrog inklusive.
Dass die rührige Hauseignerin Geld einnehmen muss, um ihre musealen Projekte zu finanzieren, ist die andere Seite. So lädt sie zum Tag des Deutschen Butterbrots, veranstaltet am St. Martinstag einen Lampionumzug mit Kindern. Ihnen gilt ihre besondere Liebe, wie auch die nachmittägliche Reihe »Märchenerzählen am Kachelofen« mit Bastelangeboten beweist. Sie selbst bastelt an ihrer Vision eines ständigen »Museums für Kindheit in Pankow«. Exponate wie Spielsachen und Schulpult hat sie schon beisammen. Sie wolle nichts für sich, sagt sie, wohl aber etwas bewegen: »
Dann hat man auch etwas für sich Man glaubt es der couragierten Unternehmerin mit dem sanften Gemüt aufs Wort.

Die Serie erscheint mit Unterstützung des Landesdenkmalamtes

 

Erschienen in der  Sozialistische Tageszeitung  •  Dienstag, 25. Oktober 2005